Einmal sehen ist besser als hundertmal hören sagt ein Sprichwort in Udmurtien. Also macht sich Ende März eine 20köpfige Gruppe aus Lüneburg auf in ein unbekanntes Land. Kontakte waren seit längerem geknüpft. Allein 1995 besuchten drei Gruppen die Salzstadt, waren dort in Gastfamilien untergebracht. Nun öffnet sich die Tür einen schmalen Spalt in die Gegenrichtung, läßt einen kurzen Blick auf eine hochzivilisierte und doch fremde Welt zu. Wenig Menschen auf großer FlächeUdmurtien wie bitte? fragten meine Freunde, als ich ihnen dieses Reiseziel nannte liegt mit der Hauptstadt Ischewsk westlich des Urals, etwa 1100 Kilometer von Moskau entfernt: 1,6 Millionen Einwohner — 59 Prozent Russen, etwa 30 Prozent Udmurten und um die sieben Prozent Tartaren — auf einer Fläche fast so groß wie Niedersachsen. Die finn-ugrische Republik Rußlands war bis 1990 Sperrgebiet; eine Waffenindustrie, die von Gewehren bis zu Mittelstreckenraketen militärische Produkte herstellte, sollte abgeschottet werden. Angler auf dem Eis des Ischewsker Stausees hocken dick eingemummelt auf Kästen vor den Lochern, die sie mit einem Drillbohrer geöffnet haben. Friedlicher Kontrapunkt zur Schornsteinreihe eines Stahlwerks am Seeufer. Sieben Tage, vollgestopft mit Eindrücken, Begegnungen, Gesprächen. Ein Aufenhalt gewissermaßen dauernd auf der Stuhlkante, um nichts zu verpassen, was Augen und Ohren, Nase und Geschmackssinn -nicht nur Wodka! | aufnehmen können. Dem Oberflächeneindruck folgt selten der abgesicherte Tiefgang zu den Hintergründen mancher Erscheinungen, Verhaltensweisen, zur tatsächlichen Lage. Großes Interesse schlägt der Gruppe aus Lüneburg entgegen, die auf Einladung der udmurtischen Regierung nach Ischewsk gekommen ist: Empfang bei den Stadtoberen und der Landesregierung, Betreuung durch Ludmilla Popowa, stellvertretende Ministerin für Jugendpolitik. Auto und Bus werden zur Verfügung gestellt. Der Minister für Jugendpolitik, Wladimir Garnow, taucht mehrmals auf. Körperlich fühlbare Zeitlosig-keit auf der 20stündigen Bahnfahrt im überheizten Liegewagen von Moskau nach Ischewsk - und zurück — durch Landschaften, die sich, unter Schnee begraben, kaum voneinander unterscheiden. Weite Flächen, eben bis zum Horizont, hier und da ein kleines Dorf mit geduckten Holzhäusern, denen Gärten vorgelagert sind. Manchmal tippelt eine einsame Gestalt vorbei. Die jungen Menschen, die wir in Ischewsk (Industriestadt, 650 000 Einwohner) treffen, könnten das Kapital für die noch zu gewinnende Zukunft werden: Wißbegierige Frauen und Männer, die sich diszipliniert dem Studium der Sprachen widmen. Unter keineswegs optimalen Bedingungen: Im Deutsch-Institut an der Uni Ischewsk fehlt es an deutscher Literatur und modernen Unterrichtswerken. Der Besuch in Familien offenbart herzliche Gastfreundlichkeit: Olga (44) und Boris (47) Russkich sind beide Chemieingenieure. Sie testet Straßenbeläge, er arbeitet in der Autobranche, hat bei der Entwicklung von Katalysatoren mit- | gewirkt. Tochter Natascha, und deren Freundin Jana (beide 18 Jahre jung) studieren Deutsch. Die Russkichs besitzen wie viele ihrer Landsleute eine Datscha mit Garten, in dem sie Gemüse anpflanzen. Ischewsk ist eine Stadt, die systematisch Menschen klein macht: Breite Straßen, riesige Wohnblocks, acht, zehn, zwölf Stockwerke hochgewuchtet, weite, kahle Plätze. In dem stalinistischen Raster spielte das Individuum keine Rolle, der Produktionsfaktor Masse Mensch stand an erster Stelle. Holzhäuser aus dem 19. Jahrhundert gibt es nur noch wenige. Die angenehm hügelige Landschaft im Vorfeld des Urals (der 500 Kilometer weiter östlich liegt) ist das zweite Kapital: Wälder, die einen Großteil des dünnbesiedelten Landes bedecken, Seen, reiches Tierleben. Hier könnte sich Tourismus entwikkeln im Winter mit Langlauf. Die tangläuferin Galina Kulakowa, mehrfache Olympiasiegerin 72 und 76, kommt aus Ischewsk. Die Kriminalität soll seit 1990 gestiegen sein. In den Wohnungen verschließt oft eine Doppeltür den Eingang, um Dieben das Handwerk zu erschweren. Turbulenzen einer Umbruchzeit. Angst vor tschetschenischen Anschlägen: Auf den Bahnsteigen der Bahnhöfe in Ischewsk und Moskau patrouillieren Soldaten des Innenministeriums mit griffbereiter Waffe. Am Einstieg zu den Eisenbahnwagen werden Fahrkarte und Paß kontrolliert. Untergebracht ist die Gruppe in einem Freizeitheim im Außenbereich von Ischewsk. Dort laufen die Kurse des staatlich anerkannten Sprachinstituts Santa Lingua. Ursprünglich unterhielt hier das russische Innenministerium ein | eigenes Erholungsheim. Jetzt ist das Areal verpachtet. Westliche Reklametafeln trifft man in Ischewsk außerhalb der Läden und Kaufhäuser (noch) nicht. Allerdings gibt es im größten Kaufhaus der Stadt das wie alle anderen Läden nicht mit Auslagen wirbt - japanische Video- und Audiogeräte, dazu Kameras und andere Technik teuer zu kaufen. Uber Rohre wird Fernwärme in die Wohnungen geleitet zu nicht regelbaren Heizkörpern. So verpufft die Hitze, wenn die Fenster für frische Luft aufgerissen werden. Verschwendung von Energie Strom und Wasser sind billig, ebenso wie das Benzin. Der Verkehr ist rege, auf Eis und Schnee wird keine Rücksicht genommen normaler Alltag. Ungefiltert pusten die Autos von uralt bis zu modern ihre Abgase in die Luft. Ansonsten verkehren hier Oberleitungs-Busse, Busse und Straßenbahnen. An einer Hauswand klebt ein riesiges Foto mit einem schreienden Baby, darunter die Schrift „Kein Krieg in Tschetschenien". Die gewaltige Aufgabe, die gesamte Struktur eines Gemeinwesens umzubauen, den neuen politischen, wirtschaftlichen, sozialen, ökologischen Herausforderungen anzupassen, wird wohl nur gelingen, wenn das Ausland bereit ist, auf diese Menschen zuzugehen, behutsam Kontakte auszubauen und zu pflegen. Unentbehrliche Voraussetzung dafür ist, daß Udmurtien Rechtssicherheit nach westlichen Maßstäben bietet. |